Die Arbeit für die Zeitung war kräftezehrend, oft konnte das Waschweib erst weit nach der Abenddämmerung den Heimweg über den Strand zu ihrer Hütte antreten. Und trotzdem schwirrte ihr Kopf voller Wörter und Ideen, sie konnte nichts dagegen tun. Eine Idee bahnte sich ihren Weg: Warum nicht eine Geschichte schreiben? Sie hatte schon soviel erlebt, davon war einiges sicherlich erzählenswert. Sie beriet sich mit ihrem Vertrauten, Klabauter.
Dem gefiel die Idee und er wollte die Geschichte des Waschweibs als Fortsetzungsreihe in der Zeitung veröffentlichen. Doch zunächst sollten die ersten Kapitel fertig gestellt werden, schließlich war auch die Redaktion sehr neugierig. Also zog sich das Waschweib in ihre Hütte zurück und machte sich an die Arbeit.
Stunde um Stunde saß sie an ihrem Holztisch, schrieb Seite um Seite und achtete kaum auf die wundervolle Aussicht aus ihrem Fenster. Nachdem sie die ersten Kapitel beendet hatte, hielt sie inne, blätterte zum Anfang zurück und schrieb ein paar Worte an die zukünftigen Leser:

Ahoi Piraten!
Mit dieser Ausgabe beginnt die Geschichte "Das Vermächtnis".
Ich bin sehr gespannt, ob sie euch zusagt und wünsche viel Spaß beim Lesen!

Euer Waschweib

Das Vermächtnis

-Kapitel 1-

Am Dock von Guava herrschte das übliche Durcheinander: Schiffe löschten ihre Ladung oder nahmen neue auf, Kapitäne und Steuermänner bellten Befehle und der Hafenmeister versuchte brüllend, sich Gehör zu verschaffen.
Überall lungerten Seeleute herum, spielten Karten, handelten oder lagen dösend auf Mehl- und Kartoffelsäcken.
Die Luft war erfüllt vom Stimmenwirrwarr der unterschiedlichen Sprachen, exotische Gewürze verströmten ihren Duft ebenso wie die Fisch- und Lebensmittelreste, die achtlos an die Ecken der Hafenmauern geworfen wurden.
Erschöpft von der langen Reise und der harten Arbeit auf See nahmen die Seeleute gierig den Rum entgegen, der ihnen von den Dienstmägden der Hafenkneipe gereicht wurde. Derbe Witze und schallendes Gelächter begleitete die errötenden Mädchen zurück in die Kaschemme.
Direkt neben der Kaschemme stapelten die Hafenarbeiter leere Kisten, die für spätere Transportfahrten gebraucht wurden. Auf einer dieser Kisten, halb verborgen durch die Stapel, saß ein junges Mädchen. Ihre grüne Augen leuchteten, während sie das geschäftige Treiben am Dock beobachtete.
Mabel Elisabeth Dunston, von allen eigentlich nur Mabby gerufen, verbrachte viel zeit auf dieser Kiste.
Sie liebte das Dock, die derben Sprüche und Witze der Seeleute, die Hektik des Hafenmeisters, die Gerüche, den rauen, aber herzlichen Ton der Mannschaften untereinander, die stolzen Schiffe, die so erhaben an der Hafenmauer lagen, die exotischen Waren, die Neuigkeiten, die man nur am Dock erfahren konnte, kurz: alles, was eine junge Dame von Rang und Namen eigentlich abschreckte und einschüchterte.

Mabby seufzte. Wieder einmal hatte sie sich den Zorn ihres Vaters zugezogen, da sie die "gute Partie", die er für sie vorgesehen hatte, abscheulich und für überhaupt nicht gut erachtete und diesem das auch sehr deutlich gemacht hatte.
Sie lächelte. Es hatte aber auch zu komisch ausgesehen, wie dieser aufgeplusterte Gockel nach Luft schnappend und so gar nicht elegant aus dem Zimmer gestolpert war, nachdem sie ihm mit schlichten Worten zu verstehen gegeben hatte, dass sie sich zwar durch sein Werben geehrt fühle, diesem aber ablehnend gegenüber stehe, da er weder das Format noch die modische Stilsicherheit zu eigen habe, ihr Gatte zu werden. Der Gimpel trug tatsächlich einen rosafarbenen Musketierhut zum türkisen Säbelrassler bei seiner Brautwerbung. Da konnte er noch so reich sein oder mächtig, Mabbys Herz würde er nie erobern.

Ihr Vater war sehr zornig gewesen, noch zorniger, als bei den anderen drei Herren, denen sie einen Korb gegeben hatte. Nach einem sehr lauten und schrecklichen Streit hatte Mabby wütend das Haus verlassen und war an das Dock gelaufen. Hier konnte sie in Ruhe nachdenken. Ihr musste etwas einfallen. Lange würde ihr Vater sich diese Spielchen nicht mehr gefallen lassen. Schließlich war sie schon 17 Jahre alt, im besten heiratsfähigen Alter.
Das Treiben am Dock ließ nach, das Chaos lichtete sich und die letzten Sonnenstrahlen tauchten alles in warmgoldenes Licht. Mabby blickte aufs Meer hinaus. Wie mochte es wohl sein, dort hinauszufahren? Fremde Inseln zu erkunden und exotische Waren zu kaufen?
Nicht zum ersten Mal ertappte sie sich dabei, dass sie sehnsüchtig daran dachte, einfach auf das nächstbeste Schiff zu schleichen und als blinder Passagier mit auf große Fahrt zu gehen. Zum Teufel, warum waren Frauen nur an Bord der Inselfähren erlaubt?
Es wurde langsam dunkel und Mabby wandte sich widerstrebend um. Sie wollte nicht nach Hause, noch nicht. Der Zorn ihres Vaters war noch nicht verraucht, besser, wenn sie mit erst später wieder unter die Augen trat.
Sie würde Granny besuchen gehen, ihre Großmutter. Granny hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Probleme. Ihr Vater sah es nicht so gern, wenn sie allzu viel Zeit mit Granny verbrachte. In seinen Augen war Granny "verdreht", wie er es nannte. Und das nur, weil Granny sich weigerte, ihre gemütliche Behausung am Hafen aufzugeben, in der sie seit dem Tod ihres Mannes, alleine lebte. Ihr Vater konnte nicht verstehen, wie sie ihr kleines, schlichtes Reihenhaus dem Anwesen vorziehen konnte, dass er für sie erstanden hatte. Mabby konnte es. Sie fühlte sich wohl in Grannys Haus, auch wenn es sehr klein war. Und trotzdem war es voller Geheimnisse und Geschichten. Ihr Großvater war zur See gefahren und hatte von allen Orten auf der Welt kostbare und geheimnisvolle Dinge mitgebracht. Granny hütete sie sorgsam in unzähligen Kisten, Truhen und Regalen. Manchmal durfte Mabby sich einen Gegenstand aussuchen und Granny erzählte ihr die Geschichte dahinter. So hatte sie von den Inseln Hispaniola und Tortuga erfahren, erschreckende Piratennester und Orte voller Ruhm, Macht und Reichtum.
"Ja", dachte Mabby, "Granny soll mir eine Geschichte erzählen".

Granny schloss sie lächelnd in die Arme, als Mabby die Hütte betrat. "Deine Mutter war schon hier, Mabby. Sie war besorgt wegen dem Streit mit Deinem Vater. Hast du Edward Fathrig wirklich einen Gimpel genannt? Den hätte ich mir zu gerne einmal genauer angesehen, aber Deine Mutter berichtete, er habe es sehr eilig gehabt, die Fähre nach Epsilon zu erwischen. Hat der junge Mann wirklich Ähnlichkeit mit Chester?" Granny zwinkerte. "Mit Onkel Chest? Absolut nicht!" Mabby schüttelte sich bei diesem unpassenden Vergleich. "Onkel Chester ist ein Mann, gutaussehend, tapfer, lustig...", Mabby hielt in ihren Schwärmereien inne, als sie bemerkte, dass das Lächeln im Gesicht ihrer Großmutter flackerte. Onkel Chester war Grannys zweiter Sohn und hatte, nach einem Streit mit Mabbys Vater, vor 4 Jahren eines Nachts auf einem Schiff angeheuert und war, ohne ein Abschiedswort verschwunden. Mabby war damals 13 Jahre alt und hatte ihren Onkel vergöttert. Von ihm hatte sie all die Sachen erfahren und gelernt, die "sich für eine junge Dame nicht schickten", wie es ihr Vater nannte. Und welche junge Dame konnte schon von sich behaupten, besser zu spucken und zu fluchen, als mancher Seebär? Und welcher jungen Dame würde kein Straßendieb gefährlich werden können, weil sie die Klinge besser führte, als manch altgedienter Haudegen? Mabby bemühte sich, das Erlernte zu behalten und übte, so oft sie konnte in der Hoffnung, eines Tages würde Chester zurückkehren und sie könne ihm dann stolz ihre Fortschritte präsentieren.
"Edward Fathrig hat einzig und allein Ähnlichkeit mit einem Truthahn, kurz vor der Schlachtung! Aufgeblasen und weich! Wenn ich könnte, dann würde ich...", Mabby holte tief Luft: "Ach Granny, ich will nicht darüber reden. Kannst Du mir eine Geschichte erzählen?"
Das Lächeln auf Grannys Gesicht wurde breiter: "Aye, mein Kind. Such Dir etwas aus." Mabby brauchte nicht lange zu suchen. Schon lange hatte sie ein Auge auf ein sehr dickes, sehr alt aussehendes Buch geworfen, der Einband war zerfleddert und das Leder hing in Fetzen herab.
Mühsam zog Mabby das Buch aus dem Regal: "Das Buch hier, Granny, welche Geschichte steckt dahinter?"
Granny drehte sich um und erstarrte. "Granny? Geht es Dir nicht gut?" Mabby war besorgt. Ihre Großmutter war bleich geworden und ihr Blick war unverwandt auf das Buch gerichtet, dass Mabby in den Händen hielt.
"Granny?" "Mabby, ich hab keine Zeit, Dir heute eine Geschichte zu erzählen. Stell das Buch weg und geh nach Hause. Deine Mutter wartet schon auf Dich", sagte Granny knapp. Dabei ruhte ihr Blick immer noch auf dem Buch und ihre Hand, die den Milchkrug hielt, zitterte. "Aber Du hast doch...", setzte Mabby an, doch Granny unterbrach sie: "Dieses Buch sollte gar nicht hier sein. Stell es weg." Mabby war verwirrt. So hatte Granny noch nie mit ihr gesprochen und warum war sie so blass geworden? Neugierig betrachtete sie den Einband des Buches. Die Schrift war in goldenen Lettern geprägt worden, doch die Zeit hatte die meisten Buchstaben unleserlich gemacht. Mabby konnte nur wenig Wort entziffern: "Familie D...". "Familie D....? Granny, was ist das für ein Buch? Welche Familie ist gemeint? Ist es ein Märchen?"
"Ein Märchen?", Granny´s Augen wurden feucht. "Ja, mein Kind, ein Märchen mag es manch einer nennen."
Granny nahm Mabby das Buch vorsichtig aus den Händen und legte es in eine der vielen Truhen am Fuße des Regals. Sie klappte den Deckel zu und drehte sich wieder zu Mabby. Mabby kam es so vor, als habe allein der Umstand, dass das Buch nicht mehr zu sehen sei, dafür gesorgt, dass ihre Großmutter viel gelöster wirkte.
"Mabby, es ist spät. Geh nach Hause, mein Kind. Und erzähle niemandem von diesem Buch. Es hätte schon vor langer Zeit vernichtet werden sollen. Das werde ich bald nachholen. Versprich mir, dass Du schweigen wirst!" Die Stimme der Großmutter war zu einem beschwörenden Flüstern geworden. "Versprich es mir!"

Viel später, als der bleiche Mond stumm seinen Posten am Himmelszelt bezogen hatte, lag Mabby noch wach in ihrem Bett. Der Besuch bei ihrer Granny beschäftigte sie. Was war nur mit diesem Buch? Und warum schien Granny so besorgt? Nur wegen eines Buches? Warum wollte sie es vernichten? Und warum durfte sie niemandem davon erzählen?
Mabby war verwirrt. Unzählige Fragen schwirrten in ihrem Kopf und ihre Neugier war geweckt. Sie musste einfach wissen, was es mit dieser "Familie D..." auf sich hatte. Und das würde sie auch herausfinden.
Entschlossen drehte sie sich auf die Seite. "Und zwar bevor Granny das Buch zerstören kann", versprach sie dem, durch das Fenster scheinenden Mond.

Fortsetzung folgt...