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Das Vermächtnis
-Kapitel 1-
Am Dock von Guava herrschte das übliche Durcheinander: Schiffe löschten ihre
Ladung oder nahmen neue auf, Kapitäne und Steuermänner bellten Befehle und der
Hafenmeister versuchte brüllend, sich Gehör zu verschaffen.
Überall lungerten Seeleute herum, spielten Karten, handelten oder lagen dösend
auf Mehl- und Kartoffelsäcken.
Die Luft war erfüllt vom Stimmenwirrwarr der unterschiedlichen Sprachen,
exotische Gewürze verströmten ihren Duft ebenso wie die Fisch- und Lebensmittelreste,
die achtlos an die Ecken der Hafenmauern geworfen wurden.
Erschöpft von der langen Reise und der harten Arbeit auf See nahmen die Seeleute
gierig den Rum entgegen, der ihnen von den Dienstmägden der Hafenkneipe gereicht
wurde. Derbe Witze und schallendes Gelächter begleitete die errötenden Mädchen
zurück in die Kaschemme.
Direkt neben der Kaschemme stapelten die Hafenarbeiter leere Kisten, die für
spätere Transportfahrten gebraucht wurden. Auf einer dieser Kisten, halb verborgen
durch die Stapel, saß ein junges Mädchen. Ihre grüne Augen leuchteten, während
sie das geschäftige Treiben am Dock beobachtete.
Mabel Elisabeth Dunston, von allen eigentlich nur Mabby gerufen, verbrachte
viel zeit auf dieser Kiste.
Sie liebte das Dock, die derben Sprüche und Witze der Seeleute, die Hektik
des Hafenmeisters, die Gerüche, den rauen, aber herzlichen Ton der Mannschaften
untereinander, die stolzen Schiffe, die so erhaben an der Hafenmauer lagen,
die exotischen Waren, die Neuigkeiten, die man nur am Dock erfahren konnte,
kurz: alles, was eine junge Dame von Rang und Namen eigentlich abschreckte und
einschüchterte.
Mabby seufzte. Wieder einmal hatte sie sich den Zorn ihres Vaters zugezogen,
da sie die "gute Partie", die er für sie vorgesehen hatte, abscheulich und für
überhaupt nicht gut erachtete und diesem das auch sehr deutlich gemacht hatte.
Sie lächelte. Es hatte aber auch zu komisch ausgesehen, wie dieser aufgeplusterte
Gockel nach Luft schnappend und so gar nicht elegant aus dem Zimmer gestolpert
war, nachdem sie ihm mit schlichten Worten zu verstehen gegeben hatte, dass
sie sich zwar durch sein Werben geehrt fühle, diesem aber ablehnend gegenüber
stehe, da er weder das Format noch die modische Stilsicherheit zu eigen habe,
ihr Gatte zu werden. Der Gimpel trug tatsächlich einen rosafarbenen Musketierhut
zum türkisen Säbelrassler bei seiner Brautwerbung. Da konnte er noch so reich
sein oder mächtig, Mabbys Herz würde er nie erobern.
Ihr Vater war sehr zornig gewesen, noch zorniger, als bei den anderen
drei Herren, denen sie einen Korb gegeben hatte. Nach einem sehr lauten und
schrecklichen Streit hatte Mabby wütend das Haus verlassen und war an das Dock
gelaufen. Hier konnte sie in Ruhe nachdenken. Ihr musste etwas einfallen.
Lange würde ihr Vater sich diese Spielchen nicht mehr gefallen lassen.
Schließlich war sie schon 17 Jahre alt, im besten heiratsfähigen Alter.
Das Treiben am Dock ließ nach, das Chaos lichtete sich und die letzten
Sonnenstrahlen tauchten alles in warmgoldenes Licht. Mabby blickte aufs Meer
hinaus. Wie mochte es wohl sein, dort hinauszufahren? Fremde Inseln zu erkunden
und exotische Waren zu kaufen?
Nicht zum ersten Mal ertappte sie sich dabei, dass sie sehnsüchtig daran
dachte, einfach auf das nächstbeste Schiff zu schleichen und als blinder
Passagier mit auf große Fahrt zu gehen. Zum Teufel, warum waren Frauen nur an
Bord der Inselfähren erlaubt?
Es wurde langsam dunkel und Mabby wandte sich widerstrebend um. Sie wollte
nicht nach Hause, noch nicht. Der Zorn ihres Vaters war noch nicht verraucht,
besser, wenn sie mit erst später wieder unter die Augen trat.
Sie würde Granny besuchen gehen, ihre Großmutter. Granny hatte immer ein
offenes Ohr für ihre Sorgen und Probleme. Ihr Vater sah es nicht so gern,
wenn sie allzu viel Zeit mit Granny verbrachte. In seinen Augen war Granny
"verdreht", wie er es nannte. Und das nur, weil Granny sich weigerte, ihre
gemütliche Behausung am Hafen aufzugeben, in der sie seit dem Tod ihres Mannes,
alleine lebte. Ihr Vater konnte nicht verstehen, wie sie ihr kleines, schlichtes
Reihenhaus dem Anwesen vorziehen konnte, dass er für sie erstanden hatte.
Mabby konnte es. Sie fühlte sich wohl in Grannys Haus, auch wenn es sehr klein
war. Und trotzdem war es voller Geheimnisse und Geschichten. Ihr Großvater war
zur See gefahren und hatte von allen Orten auf der Welt kostbare und
geheimnisvolle Dinge mitgebracht. Granny hütete sie sorgsam in unzähligen
Kisten, Truhen und Regalen. Manchmal durfte Mabby sich einen Gegenstand
aussuchen und Granny erzählte ihr die Geschichte dahinter. So hatte sie von
den Inseln Hispaniola und Tortuga erfahren, erschreckende Piratennester und
Orte voller Ruhm, Macht und Reichtum.
"Ja", dachte Mabby, "Granny soll mir eine Geschichte erzählen".
Granny schloss sie lächelnd in die Arme, als Mabby die Hütte betrat.
"Deine Mutter war schon hier, Mabby. Sie war besorgt wegen dem Streit mit
Deinem Vater. Hast du Edward Fathrig wirklich einen Gimpel genannt? Den hätte
ich mir zu gerne einmal genauer angesehen, aber Deine Mutter berichtete, er
habe es sehr eilig gehabt, die Fähre nach Epsilon zu erwischen. Hat der junge
Mann wirklich Ähnlichkeit mit Chester?" Granny zwinkerte. "Mit Onkel Chest?
Absolut nicht!" Mabby schüttelte sich bei diesem unpassenden Vergleich.
"Onkel Chester ist ein Mann, gutaussehend, tapfer, lustig...", Mabby hielt
in ihren Schwärmereien inne, als sie bemerkte, dass das Lächeln im Gesicht
ihrer Großmutter flackerte. Onkel Chester war Grannys zweiter Sohn und hatte,
nach einem Streit mit Mabbys Vater, vor 4 Jahren eines Nachts auf einem Schiff
angeheuert und war, ohne ein Abschiedswort verschwunden. Mabby war damals 13
Jahre alt und hatte ihren Onkel vergöttert. Von ihm hatte sie all die Sachen
erfahren und gelernt, die "sich für eine junge Dame nicht schickten", wie es
ihr Vater nannte. Und welche junge Dame konnte schon von sich behaupten, besser
zu spucken und zu fluchen, als mancher Seebär? Und welcher jungen Dame würde
kein Straßendieb gefährlich werden können, weil sie die Klinge besser führte,
als manch altgedienter Haudegen? Mabby bemühte sich, das Erlernte zu behalten
und übte, so oft sie konnte in der Hoffnung, eines Tages würde Chester
zurückkehren und sie könne ihm dann stolz ihre Fortschritte präsentieren.
"Edward Fathrig hat einzig und allein Ähnlichkeit mit einem Truthahn, kurz
vor der Schlachtung! Aufgeblasen und weich! Wenn ich könnte, dann würde ich...",
Mabby holte tief Luft: "Ach Granny, ich will nicht darüber reden. Kannst Du
mir eine Geschichte erzählen?"
Das Lächeln auf Grannys Gesicht wurde breiter: "Aye, mein Kind. Such Dir etwas
aus." Mabby brauchte nicht lange zu suchen. Schon lange hatte sie ein Auge
auf ein sehr dickes, sehr alt aussehendes Buch geworfen, der Einband war
zerfleddert und das Leder hing in Fetzen herab.
Mühsam zog Mabby das Buch aus dem Regal: "Das Buch hier, Granny, welche
Geschichte steckt dahinter?"
Granny drehte sich um und erstarrte. "Granny? Geht es Dir nicht gut?"
Mabby war besorgt. Ihre Großmutter war bleich geworden und ihr Blick war
unverwandt auf das Buch gerichtet, dass Mabby in den Händen hielt.
"Granny?" "Mabby, ich hab keine Zeit, Dir heute eine Geschichte zu erzählen.
Stell das Buch weg und geh nach Hause. Deine Mutter wartet schon auf Dich",
sagte Granny knapp. Dabei ruhte ihr Blick immer noch auf dem Buch und ihre
Hand, die den Milchkrug hielt, zitterte. "Aber Du hast doch...", setzte Mabby
an, doch Granny unterbrach sie: "Dieses Buch sollte gar nicht hier sein.
Stell es weg." Mabby war verwirrt. So hatte Granny noch nie mit ihr gesprochen
und warum war sie so blass geworden? Neugierig betrachtete sie den Einband
des Buches. Die Schrift war in goldenen Lettern geprägt worden, doch die Zeit
hatte die meisten Buchstaben unleserlich gemacht. Mabby konnte nur wenig Wort
entziffern: "Familie D...". "Familie D....? Granny, was ist das für ein Buch?
Welche Familie ist gemeint? Ist es ein Märchen?"
"Ein Märchen?", Granny´s Augen wurden feucht. "Ja, mein Kind, ein Märchen
mag es manch einer nennen."
Granny nahm Mabby das Buch vorsichtig aus den Händen und legte es in eine
der vielen Truhen am Fuße des Regals. Sie klappte den Deckel zu und drehte
sich wieder zu Mabby. Mabby kam es so vor, als habe allein der Umstand, dass
das Buch nicht mehr zu sehen sei, dafür gesorgt, dass ihre Großmutter viel
gelöster wirkte.
"Mabby, es ist spät. Geh nach Hause, mein Kind. Und erzähle niemandem von
diesem Buch. Es hätte schon vor langer Zeit vernichtet werden sollen. Das
werde ich bald nachholen. Versprich mir, dass Du schweigen wirst!" Die Stimme
der Großmutter war zu einem beschwörenden Flüstern geworden. "Versprich es mir!"
Viel später, als der bleiche Mond stumm seinen Posten am Himmelszelt bezogen
hatte, lag Mabby noch wach in ihrem Bett. Der Besuch bei ihrer Granny
beschäftigte sie. Was war nur mit diesem Buch? Und warum schien Granny so
besorgt? Nur wegen eines Buches? Warum wollte sie es vernichten? Und warum
durfte sie niemandem davon erzählen?
Mabby war verwirrt. Unzählige Fragen schwirrten in ihrem Kopf und ihre
Neugier war geweckt. Sie musste einfach wissen, was es mit dieser "Familie D..."
auf sich hatte. Und das würde sie auch herausfinden.
Entschlossen drehte sie sich auf die Seite. "Und zwar bevor Granny das Buch
zerstören kann", versprach sie dem, durch das Fenster scheinenden Mond.
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