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Das Vermächtnis
-Kapitel 2-
Als Mabby am nächsten Tag aufwachte und verschlafen aus dem Fenster blickte,
sah sie ihren Bruder Charly, der mit einem Lieferanten sprach. Den Mienen der
beiden nach zu urteilen ging es um eine ernsthafte Angelegenheit. Mabby drehte
sich vom Fenster weg, um sich anzukleiden. "Wahrscheinlich beschwert Charles
sich gerade, dass die letzte Limonenlieferung nicht frisch genug war", dachte
sie augenrollend. Charles war ein lieber Bruder, der für sie alles tun würde.
Außerdem war er das genaue Abbild ihres Vaters, ein Händler durch und durch.
Leider beherrschte er die Kunst, mit anderen Menschen umzugehen, nur bedingt.
So kam es öfter vor, dass aus reinen Missverständnissen handfeste Konflikte
entstanden, die nicht selten zum Abbruch ehemals blühender Geschäftsbeziehungen
führten.
Doch, das war nicht Mabbys Angelegenheit. Sie hatte den Entschluss, den sie
in der Nacht gefasst hatte, nicht vergessen. Jetzt kam es nur noch darauf an,
wie sie es am besten anstellen konnte.
Irgendwie musste sie an das Buch kommen. Leider verließ Granny, bis auf wenige
Gelegenheiten, kaum noch das Haus.
Gedankenversunken schnürte Mabby die letzten Schleifen ihres Mieders und trat
in den Flur hinaus. Dort wurde sie mit einem vorwurfsvollen Blick ihrer Mutter
begrüßt. "Mabby, Kind. Wo warst Du gestern? Ich habe mir Sorgen gemacht. Granny
wusste auch nicht, wo Du warst und zum Abendessen warst Du nicht zurück. So
ein Verhalten gehört sich nicht für eine junge Dame. Dein Vater war sehr enttäuscht"
"Es tut mir leid, Mutter. Ich war kurz bei Granny und bin anschließend noch
spazieren gegangen. Da habe ich die Zeit vergessen."
Ihre Mutter seufzte: "In der Küche steht noch das Frühstück. Eile Dich und
anschließend hilfst Du Charles. Der Stoffhändler von Eta wird bald da sein."
Mabby lief geschwind die Treppen hinunter in die Küche. Der Stoffhändler von
Eta war ein durchtriebener Mann. Er hatte zwar immer die besten und edelsten
Stoffe, leider verkaufte er auch immer Stoffe von minderer Qualität und pries
sie als neue Webware oder kommende Mode an. Charles war bereits dreimal darauf
hereingefallen. Ihr Bruder hatte einfach keine Ahnung von Stoffen. Mabby hingegen
hatte das Talent, bereits vom reinen Ansehen die wertvollen Stoffe herauszufinden.
Während Mabby eilig ihr Frühstück verspeiste, kam ihr eine Idee, wie sie Granny
aus dem Haus locken und einen Blick in das Buch werfen konnte. Der Krammarkt!
Einmal im Monat fand im Hafen von Guava ein großer Markt statt. Händler kamen
von überallher und boten ihre Waren feil: Gewürze, Kräuter, Stoffe, Farben,
Tränke. Manch ein alter Seebär erzählte von seinen Abenteuern auf See, von
Piraten und Schätzen. Andere Seeleute verhökerten kostbare und seltene Dinge,
die sie auf fremden Inseln erstanden hatten. Granny ließ es sich nie nehmen,
auf den Krammarkt zu gehen. Stunde um Stunde verbrachte sie dort, lauschte
den Geschichten und ließ sich jedes noch so absurde Ding zeigen, dass die
Seeleute anboten. Mabby begleitete ihre Granny oft, obwohl sie sich im Stillen
immer wunderte, was ihre Großmutter auf dem Markt und von den Seeleuten zu
finden erhoffte. Als sie Granny einmal danach fragte, antwortete diese mit
einem wehmütigen Lächeln: "Manchmal ist die Vergangenheit nicht so vergangen,
wie es scheint und manchmal findet man Antworten, wo man sie am wenigsten
vermutet." Diese Antwort hatte Mabby nicht erwartet, führte sie doch nur zu
weiteren Fragen. Doch Granny sagte nie wieder etwas dazu. Sie suchte weiterhin
jeden Seemann auf dem Krammarkt auf, besah sich seine Waren und hörte geduldig
den Geschichten zu, die sich hinter ihnen verbargen. Gelegentlich kaufte sie
einen Gegenstand, und ließ ihn dann blitzschnell in ihrer Rocktasche verschwinden.
Mabby sah diese Dinge nie wieder, auch nicht im Haus ihrer Granny. Einmal hatte
Granny eine Münze erstanden. Zumindest behauptete Granny, es sei eine. Mabby
sah jedoch nur ein unförmiges, braungrünes Etwas und konnte absolut nicht
verstehen, warum ihre Granny sich so unbändig darüber freute.
"Ja", dachte Mabby bei sich, "der Krammarkt ist die beste Gelegenheit. Ich
werde Katey fragen, ob sie mir hilft." Katey Lensky war ihre beste Freundin
seit Kindertagen. Seit etwa einem Monat war sie mit Charles verlobt, was Mabby
zwar überhaupt nicht verstehen konnte, aber es war der Wille der beiden Väter
gewesen und Katey hatte sich gefügt. In wenigen Wochen sollte die Hochzeit sein
und Mabby wünschte den beiden, dass sie glücklich werden würden. Katey hätte
es schlechter treffen können, Charles würde einen guten Ehemann abgeben. Und
Charles? Nun, er bekam die beste, fürsorglichste und intelligenteste Ehefrau,
die man sich nur wünschen kann. Vielleicht war Katey in der Lage, aus Charles
die Art von Händler zu machen, die sein Vater sich wünschte.
Lächelnd machte Mabby sich auf den Weg zu Charles. Der ärmste schwitzte sicherlich
schon bei dem Gedanken an den Stoffhändler. Dessen letzter Besuch hatte dem
Geschäft des Vaters einen Verlust von 20000 Kupferstücken beschert. Das sollte
sich besser nicht wiederholen.
Als Mabby in den Kontor des Geschäftshauses eintrat, seufzte ihr Bruder erleichtert
auf: "Schön, dass Du da bist. Der hinterhältige Sohn eines räudigen Marktschreiers
wird gleich da sein. Kannst Du unauffällig seine Waren prüfen, während ich mit
ihm verhandele und mir ein Zeichen geben, ob die Stoffe in Ordnung sind?" "Lass
Vater nicht hören, wie Du über seine Geschäftspartner sprichst Charles", ermahnte
Mabby ihren Bruder lachend. "Aye, ich helfe Dir. Triffst Du Dich heute noch
mit Katey?" Charles runzelte die Stirn: "Sie will mich heute nicht sehen. Sie
hat ein neues Buch bekommen, dass sie zuende lesen will." Mabby lächelte. Katey
war, neben ihren ganzen ehrbaren Tugenden, vor allem eins: vernarrt in Bücher.
Umso sicherer war Mabby, dass Katey ihr helfen würde, wenn diese wusste, dass
es um ein geheimnisvolles und altes Buch geht.
Es klopfte und mit lautem Poltern betrat Ezra Ogdine, der Stoffhändler von Eta,
das Kontor.
"Ahoi, junger Sir Dunston, Missus Dunston, welche Freude Euch zu sehen!" Die
Augen des alten, leicht schmuddeligen Händlers leuchteten und glitten wohlwollend
über Mabbys Gestalt.
"Ahoi, Sir Ogdine. Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich schon jetzt eure feinen
Stoffe in Augenschein nehme? Ich brauche ein neues Kleid." Mabby wusste, wie
man mit Ezra umzugehen hatte und lächelte ihn mit kokettem Augenaufschlag an.
"Natürlich nicht Missus, ich habe bestimmt das richtige Stöffchen für Euch
dabei. Dann kommen wir mal zum geschäftlichen, Sir Dunston." Der Händler
öffnete die Stoffpakete, die er auf einem Karren in den Kontor geschoben hatte.
Wenig später waren er und Charles mitten in den Verhandlungen. Mabby begutachtete
die Stoffe und konnte nach kurzer Zeit beruhigend in Richtung Charles nicken.
Die Stoffe waren von einwandfreier Qualität und der Preis war auch in Ordnung.
Charles gab ihr zu verstehen, dass sie ruhig gehen könne. Mit einem "Sir Ogdine,
alle Stoffe sind traumhaft. Ich werde einfach einen von denen nehmen, die mein
Bruder auswählt. Vielen Dank!" und einem strahlenden Lächeln verließ sie den
Kontor und machte sich auf den Weg zu Katey.
Mabby wusste, wo sie ihre Freundin finden würde.
So wie Mabby die meiste Zeit am Guava-Dock verbrachte, suchte sich Katey zum
Lesen einen ruhigeren Ort. Gefunden hatte sie ihn beim Regierungsgebäude der
Insel. Dort am Fuße des Monuments, auf einem weichen Kissen sitzend, verbrachte
die Freundin viele Stunden.
So auch heute. Mabby erblickte sie schon, als sie um die Ecke des Ausstatters
bog und rief von weitem: "Katey!"
Katey blickt von ihrem Buch auf und ein breites Lächeln erhellte ihre Züge.
"Wen haben wir denn da? Die Frau, die Edward Fathrig einen Korb gegeben hat,
weil er die falsche Kleidung trug.", tadelte die Freundin Mabby, als diese
sich ebenfalls am Monument niedersetzte. "Du wirst noch jeden Junggesellen
des Emerald vor den Kopf stoßen und einmal als alte Jungfer enden, Mabby."
"Zwei der Bewerber kamen aus dem Diamond, von den Inseln Cnossos und Oyster",
erwiderter Mabby lachend. "Mein Ruf hat also schon andere Archipele erreicht",
fügte sie amüsiert hinzu.
Katey wurde ernst: "Aber Mabby, irgendwann musst Du heiraten. Und mir ist es
lieber, Du bliebst auf Guava oder wenigstens im Emerald, damit wir uns weiterhin
sehen können. Auch wenn ich die Fährfahrten hasse."
"Katey, wenn wir uns weiterhin sehen wollen, dann heirate ich am besten nie,
bleibe im Haus meiner Eltern, in das Du bald einziehen wirst und wir leben
glücklich, bis zum Ende."
Mabby machte eine ungeduldige Handbewegung. "Ich brauche Deine Hilfe bei
etwas anderem Katey und niemand darf davon erfahren."
Katey seufzte. "Willst du wieder nachts in das Kontor Deines Vaters einsteigen,
weil Du unbedingt die fremden Gewürze kosten musst, die er erstanden hat?
Erinnere Dich daran, dass du nach diesem komischen roten Pulver stundenlang
Feuer gespuckt hast und Deine Lippe und Deine Zunge noch tagelang wund waren.
Oder willst Du Charles einen Streich spielen? Ich denke, wo ich bald seine
Ehefrau werde, sollte ich ihm keine Streiche mehr spielen. Obwohl es schon
sehr lustig war, als er gezwungen war, nur mit Zweigen bekleidet vom Schwimmen
in der Bucht nach Hause zu laufen, weil wir ihm seine Kleider genommen hatten."
Katey kicherte.
"Nein, nein. Nichts dergleichen. Es geht um ein Buch, ein altes Buch voller
Geheimnisse."
"Ein Buch?" Katey's Neugier war geweckt und sie hörte gespannt zu, als Mabby
ihr von ihrem Erlebnis bei Granny und ihrem tollkühnen Plan berichtete.
"Also, hilfst Du mir?", fragte Mabby die Freundin. Katey zögerte. Die Pläne
ihrer Freundin endeten meist chaotisch und bedeuteten in der Regel fürchterlichen
Ärger mit Mabbys Vater. Andererseits ging es um ein Buch. Was mochte da
drinstehen? Mabby hatte recht, wenn Granny sich wirklich so merkwürdig verhalten
hatte, musste es mit dem Buch zusammenhängen. Und vielleicht ging der Plan ja auf.
"Aye, ich helfe Dir. Ich werde Granny fragen, ob ich sie auf den Krammarkt
begleiten darf. Dann hast Du etwas Zeit. Und wenn Du herausgefunden hast,
was es mit dem Buch auf sich hat, dann können wir ja in der Bücherei von Guava
nachschlagen, ob wir etwas darüber finden."
"Gut, abgemacht. Der Krammarkt ist in drei Tagen. Frag Granny am besten gleich
morgen, ob Du sie begleiten darfst. Ich werde mir eine Ausrede einfallen lassen,
wenn sie mich anspricht. Und Mutter und Vater vermissen mich am Tag des Krammarktes
ohnehin nicht, die haben genug zu tun."
Die Freundinnen lächelten sich verschwörerisch an.
Katey zweifelte noch ein bisschen, da einfach zuviel schief gehen konnte,
behielt diese Zweifel aber für sich. Wenn Mabby sich etwas in den Kopf gesetzt
hatte, dann war jeder Versuch, sie davon abzubringen, sinnlos. Und was wäre
sie, Katey, für eine Freundin, wenn sie Mabby im Stich lassen würde?
Mabby war aufgeregt. In wenigen Tagen würde sie das Geheimnis des Buches lüften.
Und sie war fest entschlossen, an ihrem Plan festzuhalten. Komme, was da wolle.
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